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Peter Lindbergh :
Das Foto aus dem Geist eines Bastards
Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks
H.-N.J.: Ehe Sie fotografierten, wollten Sie wohl Maler werden
und besuchten die Krefelder Werkkunstschulen.
P.L.: Ja, aber ich hatte eigentlich keine konkrete Vorstellung.
Als kürzlich der Keller meines alten Hauses leer geräumt
wurde, waren da ein paar Plastiksäcke und Kisten mit Bildern
von damals. Die Erinnerung an die Bilder war ein bisschen verblasst.
Das letzte, was ich durchführen wollte, waren Psychotests in
und als Ausstellungen. Diese fielen mir da zusammen mit allerlei
Aufzeichnungen in die Hände. Übrigens ganz interessant,
denn die zwanzig Tests hatte ich als Vierundzwanzigjähriger
selbst durchgeführt. Dazu gab es auch ein etwas stupides, aber
erschreckend genaues Gutachten. Meine letzte, an die Kunst geknüpfte
Hoffnung war es, die eigenen ästhetischen Vorstellungen voranzutreiben.
Und davon wollte ich auch persönlich profitieren. Deshalb meine
Entscheidung für die Psychotests. Jedoch klärte mich mein
Bruder, von Beruf Psychoanalytiker, darüber auf, dass die Tests
zur Feststellung des Persönlichkeitsprofils von Firmen dazu
eingesetzt würden, die Arbeitskraft ihrer Angestellten zu optimieren.
Darüber war ich so deprimiert, dass ich damit sofort aufhörte.
H.-N.J.: Was reizte Sie an der Kunst? Was waren Auslöser, Beweggründe
und Absichten?
P.L.: Sie wollen wissen, warum man Künstler wird? Ich weiß
nicht, ob man mit dem Drang, irgendetwas auszudrücken, geboren
wird.
H.-N.J.: Gab es in der Familie keine Kunst, nichts, was damit zu
tun hatte?
P.L.: Eigentlich nicht. Meine Familie war nicht kunstfeindlich.
Kunst war einfach nicht vorhanden. Allerdings hatte meine Mutter
in kultureller Hinsicht gewisse Träume. Weil wir kein Geld
hatten, nähte sie ihre Kleider selber, was ja in so einem Duisburger
Haushalt schon ein kreativer, ins Künstlerische gehender Akt
war. Aber ihr genügte das nicht. Zudem hegte sie eine andere
Vorstellung von meiner und der Zukunft meines Bruders. Womöglich
nahmen wir Kinder die Träume unserer Eltern in uns als Muster
auf, um sie zu verwirklichen. Jedenfalls gab es bei uns nicht viel
mehr Kultur. So wie andere sich ein Theaterabonnement leisteten,
ohne sich eigentlich für Theater zu interessieren, so war mein
Vater zwar stolzer Besitzer eines Buchabonnements. Aber die Bücher
wurden nach ihrer Zusendung ungelesen auf einem leicht durchhängenden
Holzregal mit zwei billigen Stahlaufhängern an der Wand abgestellt.
Irgendwann brachte meine Schwester einen sehr interessanten Menschen
zu uns nach Hause. Er, Architekt und Musiker, inspirierte mich gewaltig.
Gegen die Wand schlagend, sagte er beispielsweise: „Siehst
du, Schmerz ist nur eine Vorstellung.“ Zu sehr auf Handball
fixiert, nahm ich lange Zeit den Rest der Welt nicht wahr.
H.-N.J.: Wie kamen Sie mit Malerei in Berührung?
P.L.: Oh, das weiß ich noch ganz genau. Ein zentrales Objekt
meines Elternhauses war ein Lexikon, welches ich, hungrig nach Bildern,
durchblätterte. Da sah ich eine Afrikanerin mit Baby auf dem
Arm, deren Brüste tief herunterhingen. Aber auch den „Blauen
Reiter“ von Franz Marc und einige Gemälde Gauguins. Solche
Dinge kopierte ich am Küchentisch gelegentlich mit Wachsmalstiften
ab. Aber das eigentliche Interesse an der Kunst kam durch meinen
eben erwähnten, späteren Schwager.
H.-N.J.: Gibt es für Sie Verbindungen zwischen Malerei und
Fotografie?
P.L.: Eigentlich keine.
H.-N.J.: Wie kamen Sie zum Fotografieren?
P.L.: Immer ein bisschen daran interessiert, hingen bei mir Fotos
an den Wänden. Wenn ich Illustrierte nach Abbildungen durchblätterte,
so ohne fundiertes Interesse. Das änderte sich, als mein Bruder
Kinder bekam, die ich fotografieren wollte, wozu ich mir eine kleine
gebrauchte Kamera kaufte. Schließlich las ich Feiningers Buch
mit hochkomplizierten Ausführungen über Fotografie und
Belichtungszeit.
H.-N.J.: Was reizte Sie daran, die Kinder Ihres Bruders zu fotografieren?
P.L.: Kleine Kinder sind einfach wunderbar in ihrer Hingabe und
Offenheit. Sie haben weder eine Mauer um sich herum errichtet noch
ein Bild von sich, wie sie nach außen erscheinen wollen. Sie
sind da ohne Maske und Attitüde. Aufgrund dieser Erfahrung
glaube ich daran, dass es gelingen kann, einen Menschen jenseits
dessen zu zeigen, was er repräsentieren will. Später,
als ich bei Lux assistierte, merkte ich schnell, dass Erwachsene
die Fähigkeit, vor der Kamera offen zu bleiben, verloren haben.
Sie scheuen kleine Mühe, sich selbst und dem Fotografen etwas
vorzuspielen. Diese Mauer wieder einzureißen, ist die Herausforderung
bei einem Porträt.
H.-N.J.: Entwickelten Sie Strategien, um mehr Natürlichkeit
beim Porträtieren zu erzielen?
P.L.: Da helfen weder Techniken noch Strategien. Es gibt kein Rezept.
Man kann nur eins machen, nämlich ehrlich sein mit seinen Gefühlen
und damit aufhören, den anderen etwas vorzuspielen. Ich kann
gar nicht anders arbeiten. Wenn ich mit Leuten zusammentreffe, die
sich so zurechtgemacht haben, wie sie erscheinen wollen, so kommt
es sehr darauf an, wie man ihnen als Fotograf entgegentritt. Sobald
ich ihnen ganz normal begegne, zeigen sie sich mir bald so, wie
sie eigentlich sind. Das ist nicht nur ein spannender Prozess, sondern
auch erholsam für diejenigen, die vielleicht an sich etwas
entdecken, was ihnen vorher nicht bewusst war. Ich möchte an
das herankommen, was wirklich da ist.
H.-N.J.: Profitieren Sie von dem Dialog mit Ihrem Gegenüber?
P.L.: Klar ist das auch für mich ein Lernprozess und ein Erfolgserlebnis.
Nicht selten arbeite ich über Jahre mit denselben Leuten zusammen,
so dass ein Vertrauensverhältnis entsteht. Das macht es relativ
einfach. Schwieriger ist es, wenn man zu jemandem geht, dem man
noch nie zuvor begegnet ist. So porträtierte ich beispielsweise
Jeanne Moreau, die ich natürlich aus Filmen kannte. Für
sie war das ein ganz normaler Fototermin. Es ist übrigens eine
amerikanische Unart, bei solchen Gelegenheiten so zu tun, als würde
man von dem, der da kommt, bereits alles kennen. In Amerika neigt
man dazu, seinem Gegenüber das Gefühl zu vermitteln, man
liebe seine Arbeit. Nachher stellt sich oft heraus, dass nichts
daran wahr ist. Letztlich wissen Sie noch nicht einmal Ihren Namen.
So funktioniert die in diesem Milieu weitverbreitete Rhetorik der
Höflichkeit. Schön an der Begegnung mit Jeanne Moreau
war, dass sie bestimmte Fotos oder Strecken meiner Arbeit wirklich
kannte. In der kurzen Zeit, die wir miteinander verbrachten, kamen
wir uns so nah wie Freunde. In der Regel bleibt es bei dem einen
Treffen. Es kommt selten vor, dass man sich noch einmal verabredet.
Das heißt: Innerhalb von maximal zwei Stunden, in denen alles
passiert, muss eine Atmosphäre der Vertrautheit aufgebaut sein.
Ich bekam ein so tief gehendes Foto von ihr hin, dass es mich immer
noch wundert.
H.-N.J.: Wie war das Zusammentreffen?
P.L.: Sie brachte dem Ganzen viel Wohlwollen entgegen, so dass wir
schnell an dem Punkt gegenseitiger Akzeptanz waren. Wenn man sich
so angenommen fühlt, dass man den inneren Schutzraum verlässt,
sieht man einfach anders aus, als wenn man verunsichert ist und
nicht genau weiß, was der andere von einem hält. Auf
dem Foto, das ich von ihr machte, sieht man, dass sie sich irgendwohin
begeben hat, wo sie fragiler, auch feiner erscheint. Sie hält
nichts zurück. Weil sie es zuließ, findet man in ihren
Gesichtszügen alles wieder, was man von ihr wußte.
H.-N.J.: Bereiten Sie sich auf Ihre Termine vor, indem Sie sich
in eine Stimmung versetzen oder sich, wie im Fall von Jeanne Moreau,
noch einmal einige ihrer Filme ansehen?
P.L.: Ich schaue mir gar nichts an, sondern reagiere aus dem Moment
heraus. Das ist effektvoller als der Versuch, zuvor alles über
eine Person herauszufinden, so dass sich ein Kennenlernen erübrigt.
Schön an den Stunden, die man miteinander verbringt, ist die
Möglichkeit, in direkter Begegnung etwas entstehen zu lassen.
Bei Jeanne Moreau kann man sich natürlich kaum gegen die Geschichte
wehren, die man von ihr im Kopf hat. Nichts ist retuschiert. Ich
habe meinem Agenten gesagt, man solle nur ja nichts an dem Foto
manipulieren. Viele Magazine haben keine Scham, kein Gefühl
und keine Intelligenz für so etwas und verwechseln Schönheit
mit makellos retuschierten Gesichtern. Aber in dem speziellen Fall
hatte ich mich zum Glück getäuscht. Denn sie riefen von
sich aus an, um zu erfragen, ob sie das Foto unretuschiert bringen
dürften. Es stellt die Synthese meiner Vorstellung von ihr
dar.
H.-N.J.: Wenn Sie jemandem begegnen, wollen Sie sich dann ganz in
dieses Gegenüber vertiefen, um mehr darüber zu erfahren?
P.L.: Ja, ich fände es schön, wenn jemand, der meine Porträts
sieht, den Eindruck hat, dass er anders als bei einem anderen Fotografen
durch eine Person hindurch sieht. Der Grund, warum Gesichter so
faszinieren, hat damit zu tun, dass man, je mehr man das Dahinter
erahnt, um so milder mit den Menschen umzugehen lernt.
H.-N.J.: Was ist für Sie ein stimmiges Foto? Eine Verdichtung
von vielen Momenten einer Person?
P.L.: Wenn man jemanden fotografiert, so ist das wie eine Meinung,
die man über jemanden abgibt. Das Foto ist die Verknüpfung
von Gewusstem, Gesehenem und Gefühltem. Das ist das Wesen nicht
nur eines guten Porträts, sondern auch eines guten Modefotos.
H.-N.J.: Gab es eine Situation, wo das Bild von jemandem in Ihrem
Kopf bereits im ersten Augenblick leibhaftiger Begegnung zerfiel?
P.L.: Das ist schwer zu beantworten, weil ich mir vorher darüber
gar keine Gedanken mache, wie beispielsweise ein sehr bekannter
amerikanischer Schauspieler, den ich fotografierte, in Wirklichkeit
ist. Ich kenne nur sein Image aus seinen Filmen als jemand, der
trotz seiner gewissen Schlichtheit eine gute Nase für Filme
hat, in die ein Massenpublikum hineinströmt. Daran dachte ich
zwar. Ihm gegenüberstehend, war jedoch alles vergessen. Schließlich
revidierte ich meine Ansicht wieder, denn er war doch wie sein Ruf.
Wer sich mit einem vorgefertigtes Bild im Kopf an die Arbeit macht,
tut sich schwer, davon wegzukommen.
H.-N.J.: Welche Rolle spielt für Sie als Fotograf das Sehen
von Gebäuden, Dingen, Menschen?
P.L.: Das ist wie Fütterung. Es weckt ungeheure Emotionen.
Als ich vor Monaten durchs Ruhrgebiet fuhr, war das für mich
hoch emotional. Da kam mir die ganze Formensprache aus der Zeit
entgegen, als ich Kind war. Alles stand ganz real wieder vor mir,
wenn auch inzwischen ein bisschen rausgeputzt. Wenn ich durch nachts
angeleuchtete Fabriken laufe, werden ganz starke Gefühle in
mir geweckt.
H.-N.J.: Lernten Sie via Fotografie sehen?
P.L.: Wenn ich früher per Autostop reiste, am Straßenrand
wartete und den Sonnenuntergang erlebte, wurde ich von starken Eindrücken
von Licht und Strukturen heimgesucht. In einem praktischen Sinne
hat man sich mit der Zeit ein Denk- und Aktionsraster antrainiert.
Denn ich sehe heute alles mit den Augen desjenigen, der sich fragt,
wie man am besten was, warum und wo macht. Diese praktische Form
der Umsetzung eines unschuldigen Blicks ist eher hinderlich.
H.-N.J.: Sehen Sie in Räumen, die Sie irgendwo entdecken, mögliche
Kulissen für Fotos?
P.L.: Extrem stark sogar. Das Sehen geht oft mit diesem praktischen
Verwertungsaspekt einher. So, als gäbe es gar keinen anderen
Grund, irgendwo zu sein, als der, sich auszumalen, was sich dort
wie umsetzen ließe. Eigentlich schade!
H.-N.J.: Ist es für Sie aufregender, in Oberhausen eine Ausstellung
zu machen als in Paris?
P.L.: Das hatte etwas Warmes, eben Persönliches. Die Verbindung
mit dem Ruhrgebiet, der Gegend meiner Kindheit ist in meinem Gewebe.
Das legt man nicht einfach so ab. Wohl deshalb, weil sie mich ans
Ruhrgebiet erinnern, picke ich mir bis heute zum Fotografieren,
egal wo, die schäbigsten Ecken heraus. Obwohl Duisburg so hässlich
ist, dass ich es kaum begreifen kann, erzeugt es in mir doch dieses
Gefühl von Geborgenheit und auch einer gewissen Schönheit.
Als ich das zu Freunden während einer Fahrt durchs Ruhrgebiet
sagte, herrschte betretenes Schweigen. Das Schönfinden von
etwas hat zu tun mit bestimmten visuellen Strukturen, mit Herkunft
und den eigenen Wurzeln. Für Außenstehende sind diese
Erfahrungen kaum nachvollziehbar. Für sie ist es pure Hässlichkeit,
während die Straßen im Ruhrgebiet für mich eine
große Versuchung darstellen, Fotos zu machen. Die Energie,
die ich in maroden Fabrikhallen oder anderen poetischen Orten, deren
Glanzzeit vorbei ist, spüre, inspiriert mich zu Fotogeschichten,
wobei ich das jetzt etwas limitiert habe, weil ich es zu oft gemacht
habe.
H.-N.J.: Inspirieren Sie weniger schöne Orte mehr als solche,
die an sich schon beeindrucken?
P.L.: Wer aus Duisburg kommt, wird in der Wüste von Nevada
andere Gegenden schätzen als ein an der Alster aufgewachsener
Hamburger. Zu welchen Locations jemand neigt, ist, wie gesagt, auch
stark von seinen visuellen Kindheitserfahrungen abhängig.
H.-N.J.: Nun nehmen Sie per Lichtregie eine Ästhetisierung,
gar Auratisierung unschöner Orte vor.
P.L.: Aber ich persönlich finde sie schön. Ich bin jemand,
der es oft hinter den Kulissen visuell interessanter als auf der
Bühne findet.
H.-N.J.: Wieso wohnen Sie dann in Paris?
P.L.: Wenn Deutschland auch dabei ist, sich zu ändern, so ist
es total dezentralisiert. Wer auf einem hohen Niveau mit entsprechenden
Leuten arbeiten will, ist auf eine zentralisierte Stadt angewiesen,
weil dort die Besten in ihrem Fach sitzen. Irgendwann war mir klar,
dass, wer gute Leute braucht, in Paris arbeiten muss, was ich dann
so oft tat, dass es sich eigentlich gar nicht mehr lohnte, zurückzufahren.
So fiel die Entscheidung, in Paris zu wohnen, ganz von allein.
H.-N.J.: Wie erlebten Sie Paris früher im Gegensatz zu heute?
P.L.: Als ich in Paris ankam, war ich aufgeregt und durch seine
Schönheit so bezaubert, dass ich mit dem Fotografieren gar
nicht mehr aufhören konnte. Aber heute habe ich damit Probleme,
das typisch Pariserische zu fotografieren, wenn ich es auch vor
gar nicht so langer Zeit nochmals für Harper`s Bazaar versucht
habe. Das Ergebnis ist aber kein Glanzlicht. Paris als Kulisse,
wie man sie kennt, dazu zählen Place de la Concorde, Café
Flore und die vielen Gärten. Das alles sind für mich Klischees
geworden, die ihren Reiz verloren haben. Wenn überhaupt, so
locken mich zum Fotografieren einige Pariser Vororte oder Arrondissements,
wo das Leben härter ist. New York hat sich in all den Jahren,
wo ich dort war, überhaupt nicht abgenutzt. Vielleicht weil
es unkontrollierbarer und zerstörter ist und mich in gewisser
Weise mehr an Duisburg erinnert.
H.-N.J.: Fühlen Sie sich in Frankreich mehr zuhause als im
Ruhrgebiet?
P.L.: Ja, denn ich lebe hier in Paris seit fünfundzwanzig Jahren.
Beides hält sich die Waage. Das ursprünglich visuelle
Heimatgefühl ist natürlich stärker als das seit fünfundzwanzig
Jahren angelernte in Frankreich.
H.-N.J.: Welche Rolle spielt für Sie die Auseinandersetzung
mit französischer Kultur?
P.L.: Das Französische ist durch das ununterbrochene Reisen
auch nur ein Teil meines Kulturverständnisses geworden. Wenn
man immer nur fotografiert, so ist man nirgendwo hundertprozentig
da. Wer dauernd arbeitet, hat gar nicht die Zeit, sich mit dem,
was kulturell sonst noch los ist, so zu beschäftigen wie derjenige,
dessen Beruf es ist, sich mit Kultur zu befassen. Anders ausgedrückt,
ich habe höchstwahrscheinlich gar keine französische Kultur,
weil ich davon gar nicht so viel mitbekomme. Worüber ich verfüge,
ist eine sich aus allen möglichen Kulturfragmenten zusammensetzende
Bastard-Kultur. Zu guter Letzt entspringt dieser Melange ein typisches
Lindbergh-Foto.
H.-N.J.: Wann fanden Sie eigentlich Ihren Stil?
P.L.: Das war nach fünf Jahren Düsseldorf mit der „Stern“-Geschichte
kurz vor meinem Weggang nach Paris. Als der „Stern“
meine erste redaktionelle Geschichte, die ich für Willy Fleckhaus
gemacht hatte, gesichtet hatte, erhielt ich von der Redaktion in
Hamburg den Auftrag für eine vierzehnseitige Geschichte zur
Pariser Kollektion. Diese relativ unbeeinflusste Arbeit mit unzähligen
Scheinwerfern und Schatten überall hatte sich so ergeben und
ist mehr unschuldig und ohne direkten Referenten entstanden. Keine
Ahnung, ob die Story gut war. Jedenfalls schlug sie wie eine Bombe
ein, weil es aufgrund eines gesprenkelten Hintergrunds ganz anders
wie alles andere in dieser Zeit aussah. Der Erfolg verdanke ich
dem Fehler eines Düsseldorfer Theatermalers, dem ich ein Irving
Penn- Foto mit grauen, ein bisschen wolkigen Hintergrund als Vorlage
gegeben hatte. Er missinterpretierte sie so, dass dabei etwas total
Anderes herauskam. Dank dieses pointilistischen Irrtums wurde diese
„Stern“-Serie außerordentlich originell.
H.-N.J.: Es gibt Ihrerseits mindestens zwei Arten zu fotografieren.
Einerseits das stark auf die Person konzentrierte Porträt und
andererseits die theaterhaften Inszenierungen. Wie ist Ihre Beziehung
zum Theater?
P.L.: Ich war nie sehr kultiviert. Wenn ich dann aber mal etwas
sah, hat es mich immer tief brührt. Beispiele dafür sind
Pina Bausch und die Gruppe Sankai Yuku des Japaners Ushio Amagatsu.
Beide sind Avantgardisten. Über Raimund Hoghe, ihren damaligen
Dramaturgen, lernte ich vor über zwanzig Jahren Pina Bausch
persönlich kennen. Von ihrem ganz frühen Stück Blaubart
war ich so überwältigt, dass es zu einem inspirierenden
Schlüsselerlebnis wurde. Ganz sicher kommt auch meine Liebe
für Stühle auf meinen Fotos von ihrem Stück „Café
Müller“. Vor allem gebrauchte Stühle sind für
mich so etwas wie ein Ausdruck von sehr Persönlichem.
H.-N.J.: Es gab auch eine Hommage an Pina Bausch?
P.L.: Eine Geschichte in der italienischen „Vogue“.
In einem Atelier hängten wir eine ganze Reihe Fotos von dem
Tanztheater an die Wand und bemühten uns um eine Umsetzung
der beim Sehen der Fotos empfundenen Gefühle.
H.-N.J.: Warum beeindruckte Sie die japanische Tanzgruppe?
P.L.: Was man auf der Bühne sieht, ist so unbeschreiblich fremd.
Bei einem der bekannteren Stücke tragen die kahlrasierten Tänzer
weiße Röcke aus steifem Material. Damals tanzte Amagatsu
mit einem Faun, und die Tänzer hingen so lange an Seilen mit
dem Kopf nach unten, dass deren Schädel zu platzen drohten.
H.-N.J.: Welche Filme oder Regisseure inspirierten Sie?
P.L.: Der Film „Metropolis“ war visuell für jemanden,
der in Duisburg seine Kindheit verlebte, ein unglaubliches Ereignis,
insofern dort das, was ich aus meinem normalen Leben kannte, nämlich
Fabriken, Schichtwechsel, Arbeiter, etc. in ein visuelles Meisterwerk
transformiert worden ist.
H.-N.J.: Welche Rolle spielt das Narrative in Ihrer Fotografie?
P.L.: Ich weiß nicht, ob das vom Film kommt oder ob es eine
Notlösung ist. Seit zwanzig Jahren arbeite ich hauptsächlich
für die italienische Vogue, deren Bildstrecken enorm lang sind.
Ich habe schon achtundvierzig Seiten füllen müssen. Normalerweise
sind es um die dreißig. Es stellt sich die Frage, wie sich
eine solche Strecke ohne Narration bewältigen lässt. Das
Erzählen selbst einer ganz einfachen Geschichte ist insofern
hilfreich, als man dadurch einen Leitfaden an der Hand hat. Wenn
man keine Geschichte hat, an der man sich entlang bewegt, kann man
das Modell nur bitten, einmal so oder so zu posieren. Auf Dauer
ist das ziemlich öde. So erzählend vorzugehen, ist nicht
nur für mich, sondern auch für alle anderen Beteiligten
sehr viel interessanter. Eine schnell erzählte Geschichte setzten
wir in Los Angeles um. Rita S. brach, um berühmt zu werden,
unter falschen Voraussetzungen nach Hollywood auf und ließ
ihr Kind bei Bruder und Schwägerin zurück. Trotz ihres
Versprechens, jedes zweite Wochenende heimzukehren, kam sie allerdings
nur alle drei Monate zurück, um ihre Tochter zu besuchen. Aus
dieser simplen Idee entwickelten wir eine interessante visuelle
Geschichte, die in der Wüste an einer „Diner-Motel-Tankstellen“-Location
in der Nähe von Los Angeles fotografiert wurde.
H.-N.J.: Wie kommen Ihnen solche Ideen?
P.L.: Wie in einer Waschmaschine drehen sich alle Eindrücke
ununterbrochen in meinem Kopf auf der Suche nach Bildern und Geschichten.
H.-N.J.: Gibt es ein Interesse an den Geschichten derjenigen, denen
Sie begegnen, und entwickelt sich daraus manchmal etwas Fiktives?
P.L.: Das kommt schon vor. Zwischen Fiktion und Realität lässt
sich kaum unterscheiden. Aus dem, was mir ein sehr erfolgreiches
Model kürzlich erzählte, wird eines Tages vielleicht auch
eine Geschichte. In ihrer Jugend lebte sie mit ihrem grölenden
Vater, ihrer Mutter und ihren Brüdern, alles Kettenraucher,
bei geschlossenen Fenstern in zwei stickigen Trailern. Aus so einer
realen Story lässt sich garantiert etwas Spannendes entwickeln.
H.-N.J.: Reisen Sie umher, um Orte zu finden, die sich als Kulisse
für Fotos eignen?
P.L.: Ich reise, um Orte zu finden, nicht extra umher, wie es etwa
Wim Wenders für seinen Film Paris Texas gemacht hat. Ich stoße
per Zufall auf Orte. Es gibt auch die Situation, dass mich Leute,
mit denen ich zusammenarbeite, oder spezielle Locationagenturen
auf Orte aufmerksam machen, weil sie wissen, was mir gefällt.
H.-N.J.: Vorletzten Winter waren Sie mal wieder zur Erholung in
Indien. Warum fotografieren Sie dort nie Mode?
P.L.: Weil Indien mich aus anderen Gründen interessiert. Übrigens
gibt es zehn Stunden von Goa entfernt, in Hampi, eine von mir zufällig
auf einer Motorradfahrt entdeckte Mondlandschaft mit riesigen schwarzen
Steinen. Sie hat bis auf die kleinen, mehr zerfallenden denn schönen,
so reingesprenkelten Tempel nichts mit Indien zu tun. Die Tempel
sind umstellt von Elektromasten, deren Kabel lose herumbaumeln.
H.-N.J.: Nun haben Sie Ihren Job wohl auch deshalb ergriffen, weil
er Sie reisen lässt.
P.L.: Vielleicht ergreift man einen solchen Beruf aus Gründen,
die man nie herausfinden wird. Es gibt statische Lebenssituationen
von Leuten, deren einziges Problem ist, spätestens um Viertel
nach Eins essen zu gehen. Für Menschen, die vorher wissen müssen,
wann sie was machen, werden solche Kleinigkeiten zu einem Riesenproblem.
Diese Unbeweglichkeit wächst dort, wo zu wenig passiert. Ich
selbst habe, wenn ich arbeite, stets das Gefühl, hin- und hergeschubst
zu werden. Andere loben mich dafür, wie gut ich die Dinge in
der Hand habe. Ich hingegen renne meistens einfach drauflos, wobei
Dinge passieren, auf die ich wenig Einfluss habe, und versuche,
es möglichst so zu akzeptieren, wie es ist. Genau das ist für
mich Beweglichkeit. Es geht mir nicht darum, alles im Griff zu haben.
Selbst bei großen Produktionen geht es um so viel Freiraum
wie möglich, um den oft brillanten Zufällen eine echte
Chance einzuräumen.
H.-N.J.: Leben Sie gegenwartsbezogen?
P.L.: Total. Das stand auch in meinem Test, den ich mit dreiundzwanzig
machte. Meine Frau sagte damals dazu: „Da siehst du, dir ist
vollkommen egal, was passiert ist oder morgen sein wird. Dich interessiert
nur der Moment!“ Darauf erwiderte ich: „Ist das schlimm?“
„Ja,“ sagt sie, „manchmal muss man auch an morgen
denken.“ Klar lassen mich Wünsche, die ich eines Tages
realisieren möchte, auch an die Zukunft denken. Je mehr ich
von der Umgebung, in der ich ein Foto mache, zulasse, desto wahrscheinlicher,
dass etwas Unverhofftes dabei herauskommt. Das große Chaos
ist aber keineswegs eine ausreichende Voraussetzung fürs Gelingen.
Aber auch das zu genaue Festlegen von allem nicht. Dieses führt
allzu oft zu seelenlosen Resultaten. Selbst im größten
Chaos muss Platz sein für das Wesentliche, nämlich für
die Person, um die sich die Geschichte dreht. Das ist, was ich durch
die Chaosbewältigung gelernt habe. Wenn ich jemanden wie Sie
jetzt so nah vor mir habe, ist mir klar, wie ich Sie fotografieren
würde. Es gab Situationen, wo ich alles genau vorausgeplant
hatte, während des Aufbaus aber spürte, dass es nichts
wird. Es ist produktiver, alles nur anzureißen. Klar, wenn
man zum Beispiel etwas mit Autos machen will, müssen diese,
wenn man sie braucht, auch da sein. Was man damit aber letztlich
anstellt, muss offen bleiben. Damit bringe ich diejenigen, die mich
morgens um acht fragen, wo sie die Autos abstellen sollen, zur Verzweiflung.
Ich bremse sie dann erst einmal ab. Eine Stunde später wollen
sie endlich wissen, was mit den Autos passieren soll. Auch den Darstellern
möchte ich nicht direkt sagen, was sie tun sollen. Erst ganz
allmählich nimmt alles Form an. So kann man Dinge aufgreifen,
die sich im Moment ereignen, statt Situationen nachzustellen, die
man sich Wochen vorher überlegt hat. Um so zu improvisieren,
ohne ängstlich zu sein, bedarf es gewisser Erfahrungen und
einer guten Portion Sicherheit. Denn plötzlich ist es Abend
und dunkel, und nichts ist passiert und nur ein großes und
superteures Chaos angerichtet. Worauf ich hinauswill, ist, dass
man dem Moment eine Chance geben muss.
H.-N.J.: Was ist eigentlich in der Modefotografie möglich,
was anderswo unmöglich ist?
P.L.: Die größere Freiheit. Wenn ich Werbung für
einen Namen mache, komme ich nicht umhin, das mit zu berücksichtigen,
weil ein Produkt dahinter steht. Bei den redaktionellen Geschichten
wie die, die ich für die italienische Vogue mache, bin ich
völlig frei in dem, was ich tue. Wenn ich der Chefin der italienischen
Vogue Franca Sozzani eine Idee mitteile, so steigt sie in der Regel
darauf sofort ein. Ich kann es so realisieren, wie ich möchte,
und brauche niemanden zu fragen, ob es ein Hoch- oder Querformat,
Farbe oder Schwarzweiß sein soll. Wenn es fertig ist, bringe
ich alles auf dreißig Seiten am Kopierer zusammen, und genauso
wird sie es auch drucken. Luxus pur!
H.-N.J.: Machen Sie einen Unterschied zwischen freien und Auftragsarbeiten?
P.L.: Nein, eigentlich besteht da keiner. Viele meiner Auftragsarbeiten
kommen in ihrer Freiheit nah an das heran, was ich auch für
mich alleine machen würde. Werbefotografie ist hingegen immer
gebunden an das Konzept der jeweiligen Kampagne, also mehr kommerziell.
Aber auch da kann man sich selbst verwirklichen.
H.-N.J.: Reagieren Sie als Fotograf gelegentlich auch auf Tagespolitisches?
P.L.: An sich dreht sich bei mir alles um Fiktives, weil man dabei
von keiner Logik und Verantwortung bedrängt wird.
H.-N.J.: Wo unterscheidet sich Ihre von der Modefotografie anderer?
P.L.: Ich fasste vor ein paar Jahren den Entschluss, mich aus der
Modewelt soweit wie möglich rauszuhalten, weil mich der Egalisierungsprozess
unter denjenigen Fotografen, die zu allen Modenschauen gehen, ungemein
stört. Sie folgen dann ja den gleichen Impulsen. Mein Traum,
dem ich gerne näher käme, ist, ein von dem, was in der
Modebranche passiert, unabhängiger Modefotograf zu sein. So
fand ich meinen eigenen Kalender. Ich weiß, wie beeindruckend
es ist, heute eine Dior-Schau von John Galiano zu sehen. Seine letzte
China inspirierte Dior-Couture ist so unglaublich, dass man jedes
Teil im Museum ausstellen sollte. Diese Vision von Mode ist nach
„Comme des Garcons“ vor zwanzig Jahren das Stärkste,
was ich je gesehen habe. Ich schaue mir die Fotos von den Schauen
schon an, aber ich gehe nur selten hin. Wenn man sich von dem Kalender
der Modebranche verabschiedet, findet man endlich Zeit für
seine eigenen Visionen. Etwas Eigenes, eine unabhängige Vision
zu realisieren, kann zur Folge haben, dass sich die Designer davon
inspirieren lassen. Vor einigen Jahren hatte die Stilistin Babette
Djian die Idee, einige Designer zu fragen, für eine Serie in
ihrem Magazin ägyptisch beeinflußte Mode zu entwerfen.
Das haben wir dann fotografiert, wodurch in der Saison darauf ein
Trend kreiert war.
H.-N.J.: Was sagt Ihnen die Mode als Phänomen?
P.L.: Gegenüber Mode als Instrument der Identitätsfindung
bin ich eher kritisch eingestellt. Zu behaupten, Mode sei ein phantastisches
Mittel der Selbstverwirklichung, hört sich etwas klischiert
an. Ich erinnere mich an eine Situation vor Jahren. Da lernte ich
über meinen Bruder die sehr renommierte Psychoanalytikerin
Meistermann, die Frau des ebenso bekannten Kölner Malers, kennen.
Ihre Frage, was ich denn mache, ließ mich erröten. Auf
meine zögerliche Antwort, ich sei Modefotograf, reagierte sie
anders als erwartet. Denn sie fand es großartig, weil ihrer
Ansicht nach die Welt ohne Mode in einem großen Dilemma stecken
würde. Für viele sei sie das einzige Mittel zur Selbstverwirklichung
und Identitätsfindung und Selbstdarstellung. Daran kritisiere
ich, dass man sich seine Identität erkaufen kann, ohne dafür
etwas tun zu müssen. Insofern auch das durchschaubar ist, erweist
sich Mode dann doch auch als Spiegel ihres Trägers. Besonders
Menschen, die mit dem Älterwerden Problem haben, kleiden sich
oft so, als wollten sie gegen die Zeit Amok laufen.
H.-N.J.: Streben Sie eine Fotografie ohne Verfallsdatum an?
P.L.: Dass manche meiner Fotos eine Wirkung über den Tag hinaus
haben, ist eher zufällig. Ich bin der Meinung, dass es wichtig
ist, nicht den jeweiligen Trends hinterher zu laufen, sondern, wie
schon erwähnt, seine eigenen Überzeugungen und Visionen,
beispielsweise seinem Frauenbild zu folgen und auszudrücken.
Fotos von vor fünfzehn Jahren sehen oft dadurch fast so aus,
als wären sie erst letzte Woche gemacht. Nun verzichte ich
aber nicht bewusst auf Stilattribute, damit es zeitlos erscheint.
H.-N.J.: Zwar glaubt heute jeder, Fotos zu verstehen. Doch das Lesen
von Fotografien will durchaus gelernt sein. Sehen Sie Fotografien
anders als Laien?
P.L.: Wer fotografiert, sieht, warum jemand etwas so und nicht anders
gemacht hat. Er kann alles nachvollziehen und erkennt auch die Probleme,
die der Fotograf mit seinem Foto hatte. Er sieht, ob es begründet
ist, wie er etwas aufgenommen hat. Letztlich ist der Fotograf dafür
verantwortlich, wie derjenige, den er fotografiert, rüber-
oder ankommt. Es ist sein Foto.
H.-N.J.: Welche Erfahrungsschübe brachten Sie weiter?
P.L.: Das ist wie beim Sprechen jetzt. Da werden mir Dinge klar,
auf die ich nicht käme, würden wir jetzt nicht miteinander
reden. Ein besonderes Licht reicht eben doch nicht aus. Erst wenn
die Seele einer Person auf dem Foto erscheint, fühle ich mich
als Fotograf da angekommen, wo ich hinwollte. Eine andere Erfahrung,
die mir weiterhalf, ist die, dass es wichtig ist, sich, wie bereits
gesagt, auf den Moment des Machens zu konzentrieren. Auch das Ausprobieren
formaler Dinge trägt dazu bei, dass man das allzu Konventionelle
umgeht. Irgendwann machte ich bei Haper`s Bazaar eine Story mit
Linda Evangelista auf der Straße in Brocklyn. Um die Walking-in-the-Street-pictures
mit mehr Spannung aufzuladen, beschnitt ich sie so, dass es sehr
graphisch und ungewöhnlich wirkte. Bei einer anderen Reportage
schaute ich gar nicht mehr durch die Kamera, so dass mich das auf
den Fotos zu Sehende selbst überraschte. So machte ich für
die italienische „Männer Vogue“ schwarzweiße
Bilder auf der Straße in New York mit einer kleinen Autofokus-Kamera.
Alles, was man über Komposition gelernt hat, ist bei einem
solchen Vorgehen ausgeschaltet. Dieses Überbordwerfen kompositioneller
Regeln führt dazu, dass es weniger konventionell wird. Dadurch,
dass sich die Fotografierten durch die winzige Kamera weniger beobachtet
fühlten, kamen auch interessante Bilder im Hinblick auf deren
da eingefangene Persönlichkeit heraus.
H.-N.J.: Wann ist für Sie ein Bild gut?
P.L.: Wenn das Betrachten eines Fotos Emotionen egal welcher Art
weckt und vielleicht irgendetwas in einem selbst berührt wird,
das einem wichtig ist. Jeder von uns ist gefüllt mit einer
Unmenge formaler Vorstellungen, die überwinden werden müssen,
damit andere Fotos als die üblichen möglich werden. Ziel
ist ein bestimmter Inhalt, gepaart mit einer Komposition, die einem
behagt oder aber auch revolutionär ist.
H.-N.J.: Gab es noch andere Mittel zur Selbstüberlistung?
P.L.: Eine Technik ist das Außerkraftsetzen des Gelernten
und eigener Erfahrungen. Eine weitere wendete ich bei meinen im
Süden Indiens aufgenommen Bildern. Als mich dort im Winter
der Tatendrang packte, hatte ich die Idee für ein Reportagebuch.
Dabei schaute ich überhaupt nicht mehr durch die Kamera, hielt
sie stattdessen mit ausgestreckter Hand irgendwohin, ohne irgendeine
Kontrolle auszuüben. Innerhalb von drei, vier Jahren verknipste
ich unzählige Filmrollen. Dabei ergaben sich extrem interessante
Bilder, und zwar in einem anderen Sinne als vorhin gesagt. Das Buch
wird auf einer anderen Erinnerungsform basieren. Wenn man normalerweise
dort, wo man sich gerade aufhält, bewußt Fotos komponiert
und diese später sieht, so ist es ein Déjà-vu.
Es hat nichts Überraschendes für den Autor. Das heißt,
die Erinnerung beruht nicht auf dem schon Gesehenen. Auf den Bildern
sind beispielsweise nur Ausschnitte zu erkennen. Nehmen Sie unser
heutiges Meeting als Beispiel! Ich würde die Kamera jetzt hier
so hinhalten, dass vielleicht nur mein Fuß und ein Teil vom
Tischbein auf dem Bild sind. Das wäre meine Erinnerung an den
heutigen Nachmittag. Aufschlussreich an dieser Art des unkkontrollierten
Fotografierens ist, dass ich, obwohl zum Teil nur Winzigkeiten und
kleinste Details zu sehen sind, in den meisten Fällen gleichwohl
weiß, wo ich was aufgenommen habe. Hier ein Stück Mauer.
Dort eine Steckdose. In einem Restaurant hielt ich die Kamera mal
hier, mal dorthin. Die Bilder sind so willkürlich, dass es
nicht einmal für mich Erinnerungsbilder sind. Es sind mehr
Erinnerungen von sich selber. Ich war ja da, ohne bewusst gesehen
zu haben, was ich fotografierte. Es ist, als würde ich mich
durch diese Bilder an Dinge erinnern, die ich, als ich dort war,
nicht wahrgenommen habe.
H.-N.J.: Was steckt dahinter?
P.L.: Mein Eindruck ist, dass abstrakte Bilder von unserem Meeting
mehr von dem bewahren, was man gefühlt hat, als wenn jemand
dort seine Kamera installieren und uns beide hier, sitzend am Tisch,
aufnehmen würde. Wenn man einen Abend mit jemandem in einem
Restaurant verbringt und redet, so schaut man nur auf bestimmte
Punkte. Solche Details berühren einen mehr als das Gesamte.
H.-N.J.: Woran erinnern Sie sich am ehesten? An Farbe, Landschaften
oder Menschen?
P.L.: Ich erinnere mich an Landschaften und da mehr an Wüsten
denn an saftige Täler. Vor allem angesichts unendlicher Weiten
entwickeln sich in mir die stärksten Visionen und Emotionen.
Mir prägen sich angesichts der Weite mehr die Stimmungen denn
die Personen ein. Das liegt vielleicht daran, dass ich ein starkes
Freiheitsbedürfnis mit mir herumtrage, welches dort in der
Weite weniger abgebremst wird. Denn da sind weder Mauern noch Gebäude.
Es ist so unendlich.
H.-N.J.: Was verbindet Sie mit Indien? Auch die Kultur?
P.L.: Ich habe dort eine Menge Freunde und zudem meine Frau Petra
kennen gelernt. Deshalb fahre ich öfter dorthin. Uns gefällt
es wegen unseres Lebens dort. Mit der Kultur verbinden mich eine
Menge. Ich meditiere seit über fünfundzwanzig Jahren.
Viele verwechseln das Aschramleben in Indien mit der Essenz der
buddhistischen Philosophie, die aber wie alle anderen Lehren nicht
an einem bestimmten Ort gebunden ist.
H.-N.J.: Gibt es noch andere Gründe, in Indien zu fotografieren?
P.L.: Das Indienbuch ist nicht über Indien. Es ist nur dort
entstanden, weil ich einen Teil des Winters dort verbringe. Leider
kann ich Ihnen nichts davon zeigen, weil ich die Fotos nicht in
meinem Studio aufbewahre. Ich wollte nicht, dass es sich mit dem
vermischt, was ich hier mache.
H.-N.J.: Was bedeutet Ihnen diese Form der Erinnerung?
P.L.: Angenommen, jemand fährt mit seiner Frau zum Tatschmahal
und darf nur ein Foto davon zurückbringen, was nimmt er dann
wohl auf? Normalerweise fotografiert er seine Frau an dem Wasserbecken
mit der Kuppel dahinter. Er kann aber auch etwas Beiläufiges
zeigen. Irgendetwas Unbedeutendes, eher Zufälliges, was ihn
an diesem Tag verwundert hat. Auf einem solchen Foto teilt sich
ihm vielleicht mehr von diesem Tag mit als in einer Totalen. Man
sieht vieles im Detail. Es scheint um so intensiver zu sein, je
näher man herangeht. Die Cafetassen, die ich während unserer
Unterhaltung ständig vor mir sehe, werden meine visuelle Erinnerung
an unsere heutige Begegnung sein. Für Sie wird es, weil Sie
anders sitzen, vielleicht das Stilleben mit den Blumen und den Fotos
an der Wand sein. Was so nah ist, wird, obwohl völlig unbedeutend,
bedeutsam.
H.-N.J.: Sind oder waren Fotografien anderer für Sie Maßstäbe?
P.L.: Immer. Im Kopf sind viele Bilder archiviert. Etwa die Frau,
die über die Pfütze springt, von Cartier-Bresson oder
Tausende anderer Fotos. Von guten geht eine Energie aus, die auf
einen überspringt. Zudem wirken sie auf mich wie eine ständige
Kritik an dem, was ich selbst mache. Ich arbeite an meinen Fotos
solange, bis eine Energie spürbar ist.
H.-N.J.: Fragen Sie sich, warum Fotos anderer Sie beeindrucken?
P.L.: Wer selber fotografiert, sieht, wie ein anderer vorgegangen
ist, und merkt auch, ob jemand billige Effekte nutzt. Es gibt Fotos,
die, obwohl völlig unspektakulär, einen sehr stark bewegen.
Solche Fotos, die viel ausdrücken, obwohl in ihnen wenig passiert,
sind mir am liebsten. Als Titelbild meines „Images of women“-Buches
wählte ich nicht umsonst den Kopf eines relativ unbekannten
Mädchens, eben keine prominente Persönlichkeit. Keine
Ahnung, was mich da anspricht. Vermutlich das leise Undurchdringliche.
Beim Anschauen des Fotos wird man tief in den Blick hineingezogen,
und es reizt mich, herauszufinden, wie diese Magie entsteht.
H.-N.J.: Welche Rolle spielt für Sie Erotik?
P.L.: Ich habe keinen visuellen Begriff von Erotik. Nacktfotos,
gängigerweise als erotisch empfunden, finde ich meistens eher
langweilig. Erotik hat für mich mehr mit Geheimnis als mit
Fleischbeschau zu tun. Es ist für mich das Mysteriöse
und Unentschlüsselbare einer Frau.
H.-N.J.: Besteht für Sie ein Unterschied zwischen dem Fotografieren
von Frauen und Männern?
P.L.: Für mich ist jede Beziehung zwischen Mann und Frau erotisch
aufgeladen. So auch beim Fotografieren, auch wenn die Fotos nicht
erotisch sind. Man ist auf Entdeckungskurs und muss dabei seine
Position finden und sieht dabei auch, wie man sich selbst verhält.
Was mir fehlt, wenn ich Männer fotografiere, ist die undefinierbare
erotische Beziehung.
H.-N.J.: Was könnte ich Ihnen, wäre ich eine Frau, mehr
herauskitzeln?
P.L.: Vielleicht würde ich mich anders darstellen. Aber egal,
ob von einer Frau oder einem Mann interviewt, man möchte für
das, was man darstellt, geliebt werden. Vielleicht gibt es auch
eine intellektuelle Erotik. Dass Sie nicht für die Bild-Zeitung
schreiben, sehe ich Ihnen ja an.
H.-N.J.: Welche Fotografen gehören Ihrer Ansicht nach zu den
ganz großen?
P.L.: Als erstes Kertesz mit seinen vom Fenster seiner Pariser Wohnung
aus fotografierten Bildern. Mein Lieblingsfoto von ihm ist allerdings
das Mädchen auf dem Kanapee. Jemanden wie Richard Avedon, der
als Modefotograf vieles als erster gemacht hat, bewundere ich ebenso
wie Irving Penn. Avedons Ausstellung im Whitney Museum vor einigen
Jahren hatte mich enttäuscht, weil ich das Gefühl hatte,
dass er mit allen Mitteln verhindern wollte, sich als Modefotograf
zu präsentieren. In meinen Augen ist er der bedeutendste Modefotograf
der letzten 50 Jahre. Die Energie auf der Straße hat er bereits
vor vierzig Jahren eingefangen. Seine in den 60ern entstandenen
Studioaufnahmen sind einfach perfekt. Sein gesamtes Werk ist so
abwechslungsreich wie kreativ. Ich verstehe nicht, warum er sich
davon in seiner Ausstellung distanzierte.
H.-N.J.: Hat es Sie nie gereizt, im Krieg zu fotografieren?
P.L.: Auf die mir öfter gestellte Frage, warum ich nicht wie
andere Fotografen mit einem Fernsehteam im Schlepptau nach Sarajewo
gereist bin, um dort den Krieg zu fotografieren, antwortete ich,
dass es gegenüber den Reportern, die in den Krisenherden der
Welt ständig ihr Leben riskieren, unfair, wenn nicht sogar
unverschämt wäre, sich auch einmal so nebenbei als ebenso
engagierten Fotografen darzustellen. Ein solcher Ego-Trip ist einfach
ungerechtfertigt. Ein großartiger Kriegsfotograf ist, obwohl
angefeindet, weil man seine Bilder zu ästhetisch fand, Don
McCullin, dessen Arbeit ich seit vielen Jahren bewundere.
H.-N.J.: An welche wichtigen Begegnungen erinnern Sie sich?
P.L.: Beispielsweise: Milla Jovovich, die ich seit dreizehn Jahren
fotografiere, ist eine Person, deren enorm kreative und poetische
Energie sich auf alle im Studio Anwesenden überträgt und
einem Dinge sehen läßt, wie man sie sonst nicht sehen
würde. Sie ist Schauspielerin, Musikerin und schreibt Gedichte
und andere Texte. Jeder Moment mit ihr ist etwas Besonderes. Hingegen
gibt es Menschen, wenn die ins Studio kommen, weiß man genau,
auch wenn man ein gutes Foto ohne zu großen Anspruch hinbekommt,
dass der Tag langweilig wird.
H.-N.J.: Gab es etwas Wegweisendes?
P.L.: Wenn mir etwas einen Ruck nach vorne gab, so sind es Dinge
aus Indien. Vor fünfundzwanzig Jahren war ich fasziniert durch
alles, was aus Indien kam und mit Meistern und Gelehrten zu tun
hatte. Irgendwann schloss ich mich den Mahraridschi-Leuten an. Seitdem
meditierte ich täglich, was mir half und heute noch hilft,
an Dinge anders heranzugehen. Eine wunderbare Schule. Es bewirkt
enorm viel, wenn man zweimal täglich nur mit sich und ohne
Gedanken allein ist und dabei zu sich kommt. Dieses Meditieren bewirkt
etwas Ganzheitliches.
H.-N.J.: Nun haben Sie auch mit Drogen während Ihrer Zeit an
der Werkkunstschule experimentiert.
P.L.: Nach der Lektüre eines Textes von Aldous Huxley über
die Veränderung der Wahrnehmung probierte ich in meiner Selbstversuchsreihe
als Achtzehnjähriger LSD aus. Wenn man damit experimentiert,
kann man mit etwas Glück so etwas wie ein Gotteserlebnis haben
und Dinge begreifen, die man sonst nicht verstehen würde. Das
Problem ist nur, dass danach alles wieder verschwunden und die Quelle
der Erkenntnis erloschen ist. Vergeblich versuchte ich damals, was
mir widerfuhr, mithilfe von Notizen und Polaroids in die Realität
zu holen. Witzigerweise fand ich vor einiger Zeit einen Karton mit
Aufzeichnungen und diversen Dingen wieder. Darunter auch Aufzeichnungen
von diesen Experimenten, darauf stand unter anderem in krakeligen
Buchstaben: „Ich bin alles.“
H.-N.J.: Nun verändert LSD die Wahrnehmung und das Bewusstsein.
P.L.: Man nimmt nicht nur alles um einen herum, sondern auch sich
selbst anders wahr. Ich bin darauf auch durch die Lektüre von
Castaneda gestoßen. Er schrieb Bücher über einen
mexikanischen Meister namens Don Juan, der sich mit Hilfe von Drogen
in Trance versetzt und dabei auf seine Weise Kontakte zu seinen
Göttern knüpft. Trotz des Verlustes dieses anderen Verständnisses
bleibt doch das Gefühl, einmal durch das Fenster geschaut zu
haben. Was man über Gurus hört, existiert hinter dieser
Mauer tatsächlich. Es behält, wenn man es einmal erfahren
hat, auch dann noch seinen Wert, wenn es nicht mehr in seiner Größe
und Schönheit wirklich erinnert werden kann. Wer es erlebt
hat, lässt sich auch auf das Leben anders ein als, wer mit
Drogen nie in Berührung kam. Es ist doch ein großes Abenteuer,
zu denken, dass es Dinge gibt, von denen wir uns keine Vorstellung
machen können. Viele wundern sich über meine Milde. Diese
Art von Sanftmut und ein anderes Verständnis von den Dingen
verdanke ich dem Meditieren. Der Raum, der in einem dabei entsteht,
ist wertvoller als alles, was von außen in einen eindringt.
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