Diese gewisse Wirklichkeit
Frauen unter Einfluss :Dem Modefotografen Peter Lindbergh
zum sechzigsten Geburtstag
Es gab einen kurzen Moment in der Geschichte der Populärkultur,
da hatten die Stars genug vom Glamour. Die Schauspieler Hollywoods
begriffen sich mit einemmal als Künstler, und die Musiker des
Pop und Rock verwirklichten sich in der Verherrlichung des Hässlichen.
Es fehlte nicht viel, und die Devise der späten achtziger Jahre
hätte „Bloss kein schöner Schein“ lauten können.
Da sprang die Modeindustrie in die entstandene Lücke und erhob
kurzerhand die Damen des Laufstegs von Models erst zu Supermodels,
dann zu Megastars. Fast augenblicklich besetzten diese jungen Frauen
die Titelseiten sämtlicher Zeitschriften, einerlei, wie weit
entfernt deren Inhalt von Haute Couture gewesen sein mag, prompt
traten sie auch in Talkshows auf, und nur wenig später moderierten
sie ihre eigenen Fernsehsendungen. Dass man den Namen des einen
oder anderen Fotomodells kannte, das hatte es auch früher gegeben.
Nun aber waren es gleich zehn Mannequins, die selbst der auseinanderhalten
konnte, der sich seine Konfektion vom Kaffeeröster zusammenstellen
liess: ebenjene „Ten Women“, denen der deutsche Modefotograf
Peter Lindbergh 1996 seinen ersten Bildband widmete. Auf Anhieb
verkaufte sich das Buch fast hunderttausendmal.
Es lässt sich heute kaum noch beurteilen, ob Peter Lindbergh
es war, der Models wie Naomi Campbell und Helena Christensen , Linda
Evangelista und Kate Moss, Tatjana Patitz und Christy Turlington
berühmt gemacht hat – oder ob nicht umgekehrt er diesen
Damen seinen Ruhm verdankt. Gleichsam als Symbiose muss man sich
die Zusammenarbeit vorstellen, aus der keineswegs nur in den Strassen
New Yorks oder den Studios von Paris immer neue Einfälle hervorgingen,
sondern auch zwischen den Anlagen der Schwerindustrie im Ruhrgebiet
oder in den Wüsten des kalifornischen Hinterlands.
Was Peter Lindbergh dort jeweils fotografierte, entzieht sich den
üblichen Gattungsbegriffen. Modebilder waren es vor allem der
Auftraggeber wegen, der populären Modemagazine und der berühmten
Modeschöpfer. Ebensogut mag man sie Aktfotos nennen, denn Kleidung
ist rar im Werk Peter Lindberghs – so rar, könnte man
sagen, dass sie unweigerlich ins Auge springt. Lindbergh selbst
spricht am liebsten von Porträts. „Ich möchte wirkliche
Personen fotografieren, nicht das Model“, hat er bei Gelegenheit
erklärt. „Was mich interessiert, ist diese gewisse Wirklichkeit
hinter der Fassade.“ Ein denkbar ungewöhnliches Ansinnen
in einem Metier, dem es in erster Linie um Fassadenrenovierung zu
tun ist. Peter Lindbergh erfüllt es auch nur sehr bedingt.
Tatsächlich ist er ein Fotograf der Blicke. Zwischen Herausforderung
und Skepsis changierend, schauen von seinen Bildern stets starke,
hochaufgeschossene Frauen den Betrachter direkt an, Frauen, deren
ungebändigte Lebenslust ansteckend wirkt und deren Abgebrühtheit
zugleich schaudern machen kann. Manche szenische Situation mag sich
spontan ergeben haben, etwa in den Pausen am Set und im Verkehrsgewühl,
in das sich Lindbergh für seine bestechendsten Aufnahmen ohne
grossen Stab von Assistenten stürzte – nur er, das Model
und ein Kleinbildapparat. Wieviel Regiearbeit sich dennoch hinter
den meisten seiner Aufnahmen verbirgt, belegen die zahlreichen Bildzitate,
die er in viele Arbeiten einfliessen lässt. Auf ganz eigene
Weise erzählt sein Werk so die Geschichte der Fotografie nach:
der Mode und des Akts, des Porträts und sogar der Reportage,
wenn Lindbergh mit seinen Mannequins ganze Bildromane inszeniert.
Mittlerweile sind auch diese Bilder Teil der Geschichte, und die
Supermodels sind Diven einer vergangenen Zeit. Peter Lindbergh aber
arbeitet unermüdlich weiter, fotografiert, dreht Filme –
und entdeckt immer wieder neue Gesichter. Heute wird er sechzig.
FREDDY LANGER
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, den 23. November 2004
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